Stadterweiterung
vorstädtischen Bautradition. Allerdings wurde die Auf- teilung des Innenraumes im Laufe der Zeit stark verän- dert: Abgesehen von der „Hausherrenetage“ wurden dicht aneinander gereihte Zimmer-Küche- bzw. Zimmer-Kü- che-Kabinett-Wohneinheiten entlang eines langen Ganges geschaffen. Auf diese Weise konnte die höchste Raumaus- nützung gewährleistet werden. Ein Sondertypus der Früh- gründerzeit waren die „Pseudowohnhöfe“: Diese entstanden aus der spiegelbildlichen Koppelung zweier Seitenflügelhäuser und wurden auf Doppelparzellen er- richtet. Das rasante Anwachsen der Bevölkerung führte zur Entstehung von Massenzinshäusern in den Vorstädten, wo ab 1850 die bis zu viergeschoßige Bebauung möglich war. „Charakteristisch für die äußere Erscheinung des frühgründerzeitlichen Mietwohnhauses ist die schmuck- arme Gleichförmigkeit der Fassaden, die sich nach dem Prinzip der ,gleichmäßigen Reihung‘ zu einheitlichen, kaum akzentuierten Straßenwänden zusammenschlie- ßen.“
Der hohe Wohnraumbedarf in den Außenbezirken, her- vorgerufen durch das dort vorherrschende starke Be- völkerungswachstum, wurde zu einem sozialen Problem: In den 1840er-Jahren lebten in Wien und den Vororten bereits 500.000 Menschen, und die mangelhaften Wohn- verhältnisse waren ein wesentlicher Faktor für den Aus- bruch der Revolution von 1848. Zur Verringerung der sozialen Sprengkraft wurde 1849 der Neubau von Wohn- häusern steuerlich begünstigt und zur Verbesserung der Verwaltung wurden 1850 die Vororte bis zum Linienwall (dem heutigen Gürtel) eingemeindet. Der Wohnbau wurde mittlerweile auch für das Bürgertum zunehmend interessant, und mit den neuen Auftragge- bern änderte sich auch die Gestalt der Gebäude: Die Grundstücke, die einen ganzen Straßenblock umfassten, wurden aufgeteilt, da sich die bürgerlichen Bauherren die Bebauung eines ganzen Blocks nicht leisten konnten. Die organisatorisch völlig selbstständigen Einzelhäuser des Blocks wurden auch nach außen zunehmend differenziert. Diese Blockrandbebauung blieb bis 1918 der prägende Typ der Wohnhausarchitektur, die sich auch stilistisch weiterentwickelte.
Hochgründerzeit (1870-1890)
Mit dem Beginn der Hochgründerzeit, die von 1870 bis 1890 dauerte, trat ein dramatischer Stilwechsel ein: Aus- gelöst durch die neuen öffentlichen Monumentalbauten der Ringstraße (Museen, Parlament, Rathaus, Universität), wurden die Formen der staatlichen Repräsentation auch von den privaten Bauherren übernommen. Während die Häuser im Inneren relativ einheitlich gestaltet und organi- siert waren, widmete man der Individualisierung nach außen viel Aufwand. Die meisten historischen Bank- und
Das Wien Franz-Josephs I.
Die Regierungszeit Kaiser Franz Josephs I. (1848–1916), dem Wien den letzten Glanz der Monarchie verdankt, war von einer massiven Umstrukturierung des Stadtgrund- risses geprägt: Nachdem 1850 die Vorstädte rechtlich mit Wien vereinigt worden waren, befahl Kaiser Franz Joseph im Jahre 1857 die Schleifung der Befestigung und die Anlage einer Prachtstraße an ihrer Stelle. Es entstand die 1865 feierlich eröffnete Ringstraße, ein hervorragendes Beispiel der Stadtplanung des 19.Jahrhunderts und der bedeutendste historistische Prachtboulevard Europas. Die damit in Zusammenhang stehende erste Wiener Stadt- erweiterung seit dem Hochmittelalter zählt zu den städte- baulich bedeutendsten Leistungen des europäischen Historismus.
Frühgründerzeit (1840-1870)
Schon ab etwa 1840 wurden im Bereich der alten Vor- stadtkasernen verstärkt Wohnhäuser errichtet. Die ex- zessive Bautätigkeit der eigentlichen Gründerzeit begann allerdings erst mit dem Fall der Basteien. Was die Form der Grundrisse betrifft, so überwog anfangs noch die herkömmliche langrechteckige Parzelle. Diese machte bald einer gedrungeneren, dem Quadrat ähnlicheren Form Platz. Auf diesen Grundstücken entstanden die Stra- ßentrakter, während die schmalen Grundstücke Seiten- flügeltypen aufwiesen. Die Bauhöhen waren vor allem außerhalb des Linienwalls relativ gering. Sowohl der annähernd quadratische als auch der längliche Grundrisstyp wurzelten in der
Wohnung mit typischen hohen Räumen und Fischgrätenparkett.
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